«Wie kann ich in einer Ehre- und Schamkultur die Wahrheit sagen?»

«Gott lehrt, du sollst nicht lügen. Wie kann ich die Wahrheit sagen, ohne dass jemand dadurch das Gesicht verliert?»

Kann ein Missionsmitarbeiter der Wahrheit verpflichtet sein und gleichzeitig die Beziehung zum Nächsten für sehr wichtig halten? Auf den ersten Blick scheinen sich Wahrheit und Beziehung auszuschliessen.

In der westlichen Welt orientieren sich die Menschen an einem Rechts- und Ordnungssytem. Kinder werden zu Offenheit und Ehrlichkeit erzogen. Jemand, der die Wahrheit sagt und z.B. Missstände an seinem Arbeitsplatz öffentlich macht, wird als Held gefeiert. Das Thema ‚Fake news’ wird längst in der Öffentlichkeit diskutiert. Einer Person schonungslos die Wahrheit zu sagen ist gut, sie zu verschleiern ist schlecht.

In Ehre- und Schamkulturen legen die Menschen grossen Wert auf harmonische Beziehungen. Kinder werden angeleitet, um jeden Preis die Ehre ihrer Familie zu wahren und sie gegen unbequeme Wahrheiten zu verteidigen. Jeder hat Verständnis für Lügen. Es ist viel schlimmer, ein Familienmitglied zu verraten. Da der gute Ruf abhängig von der Gemeinschaft ist, kommt es darauf an, was die Gemeinschaft denkt, und nicht, was der Realität entspricht. Einer Person unverblümt die Wahrheit zu sagen, so dass sie das Gesicht verliert, ist lieblos. Dagegen ist es ehrenvoll, direkte und offene Konfrontation zu vermeiden und die Wahrheit durch die Blume zu sagen.

Wenn wir in der Bibel nach Antworten auf die obige Frage suchen, kommt uns entgegen, dass die biblischen Geschichten und Gespräche im Kontext von Ehre-und Schamkulturen stattfanden. Es gäbe viele Beispiele, doch beschränke ich mich auf zwei persönliche Begegnungen, die Jesus dem Johannesevangelium nach hatte. Mit einer Fremden (Joh 4) und mit einem Freund (Joh 21).

Jesus überrascht die Samariterin, indem er als Jude ein Gespräch beginnt und auf ihren Lebensdurst eingeht. In diesem geschützten Rahmen – die Jünger kommen erst später dazu – gibt er ihr die Möglichkeit, sich zu öffnen. Obwohl sie zuerst ausweicht, konfrontiert er sie mit der unangenehmen Wahrheit über ihre Männer-Beziehungen. Die Frau kann dies entgegennehmen, denn sie fühlt sich von Jesus angenommen. Jesus begegnet ihr auf Augenhöhe.

Petrus hat Jesus verleugnet. Über diese Tat empfindet er grosse Scham und kehrt deshalb in sein früheres Leben zurück. Als Jesus seinem Freund wieder begegnet, lädt er ihn zuerst zu einem gemeinsamen Essen ein – ein Zeichen von Versöhnung. Es fallen zunächst keine Worte. Kein Vorwurf von Jesus. Keine Entschuldigung von Petrus. Doch beiden ist klar, ihre Beziehung ist wiederhergestellt. Erst nach dem Essen nimmt Jesus seinen Freund beiseite, stellt seine Ehre wieder her und vertraut ihm die Leitung des Jüngerkreises an. Jesus spricht aber auch den wunden Punkt an – die Liebe zu ihm.

In beiden Fällen zeigt uns Jesus einen Weg, wie wir die Würde und Ehre einer Person wahren und ihr gleichzeitig die Wahrheit mitteilen können. Dabei ist die Wahrheit immer in eine Beziehung eingebettet. Jesus stellt niemanden bloss. Es gelingt ihm, Beziehung und Wahrheit zusammenzuhalten.

Der Apostel Paulus hat dies in einem Rundschreiben wunderschön festgehalten in Epheser 4,15.

Michael Haller

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