«Euer Baby, das Gott geschaffen hat, ist wunderschön, wie alles, was Gott tut.»

Wir gehen als Familie zu unserer kleinen Kirche am Meer. Stolz trage ich meinen vierten Jungen, der erst vor acht Tagen geboren wurde und den wir heute segnen wollen. An der Kirchentür kommt eine senegalesische Freundin auf mich zu, zieht die Decke beiseite, die mein Baby schützt, schaut auf sein kleines Gesicht und sagt ganz natürlich: «Er ist hässlich. Möge Gott ihn am Leben erhalten und ihn segnen».

Diese Worte erschüttern mich. Schon viele Male habe ich diese Worte gehört, als sie an andere Frauen gerichtet wurden. Aber ich werde mich nie daran gewöhnen!

DIE ERSTEN WORTE
Ich weiss jedoch, dass für muslimische Frauen diese schockierenden Worte «Er ist hässlich» benutzt werden, um die Dschinn (Geistwesen) von dem Baby fernzuhalten. Aber aus dem Mund einer Schwester in Christus stört es mich sehr. Ich nehme mir später Zeit, um mit ihr darüber zu sprechen.

Im Senegal sprechen Frauen nicht über ihre Schwangerschaft. Das war nicht leicht für mich! Als Schweizerin, als Hebamme und vor allem als Mutter wollte ich mit meinen Freundinnen ständig darüber reden! Aber das macht man hier nicht. Die Dschinn (Geistwesen) könnten sich für das Baby interessieren.

Sie kaufen auch keine Kleidung für das Baby, bevor es geboren ist, und sie wählen seinen Namen nicht im Voraus. All dies, um das Ereignis vor den Dschinn zu verbergen.

Christliche Frauen vertrauen ihr Baby dem Herrn an und fürchten sich nicht vor den Dschinn, aber sie sind es einfach nicht gewohnt, über ihre Schwangerschaft zu sprechen oder sich auf die Geburt ihres Kindes vorzubereiten. Das ist der Unterschied zwischen einem Leben von Tag zu Tag und dem Versuch, die Zukunft im Griff zu bekommen.

Als Schweizerin habe ich gelernt zu planen und Schritte vorauszusehen. Die Senegalesen leben einen Tag nach dem anderen, ohne sich um die Zukunft zu sorgen, die wir ohnehin nicht kontrollieren können. Wir erleben diese Spannung in allen Lebensbereichen, aber für mich war sie während meiner Schwangerschaften am stärksten spürbar. Wie findet man das Gleichgewicht zwischen sich keine Sorgen um morgen zu machen, wie Jesus empfiehlt, und Pläne für das Kind zu haben, wie es Samuels Mutter Hanna tat?

DER ERSTE SCHMUCK
Ein kleines Mädchen wurde in unserer senegalesischen Familie geboren. Es trägt meinen Namen und viele Gris-Gris (Amulette). Timothée, jetzt neun Jahre alt, geht sanft auf die Mutter zu und sagt zu ihr: «Nee Penda, glaubst du nicht, dass Gott dein Baby beschützen kann? Du musst ihm nicht all diese Gris-Gris umhängen. Gott mag das nicht. Er möchte, dass wir nur an ihn glauben».

Die Mutter ist herausgefordert. Sie gab viel Geld aus, um diese Gris-Gris vom Marabut (islamischer Geistlicher) zu kaufen. Einige wurden ihr von Ver-wandten oder Freunden geschenkt. Aber trotz allem hat sie Angst davor, was mit ihrem Baby geschehen könnte. Sie kommt, um mit mir darüber zu sprechen und ich verspreche ihr, regelmässig für ihr wunderbares kleines Mädchen zu beten.

DER ERSTE GEDANKE
Oh ja, es ist wahr… In den mehr als 20 Jahren im Senegal wollte ich nie sagen, dass ein Baby hässlich sei. Im Gegenteil, ich hatte viele Gelegenheiten, jungen Müttern zu sagen: «Euer Baby, das Gott geschaffen hat, ist wunderschön, wie alles, was Gott tut». Und ich habe immer die Zustimmung in den Augen der Mutter gelesen, und manchmal sogar ein Lächeln auf ihrem Gesicht!

Autorin: Marie-Eve Iraguha lebt mit ihrer Familie seit 20 Jahren im Senegal und setzt sich dort für Familien ein. Sie gehört zum Leitungsteam von WEC Senegal.

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