«Aufwachsen, Bildung und Zukunftschancen von Kindern in Kambodscha sind stark abhängig von den finanziellen Ressourcen einer Familie.»

Vor dem Regime der Roten Khmer war Kambodscha ein aufstrebendes Land, weiterentwickelt als die Nachbarn Thailand und Vietnam. Doch fünf Jahre brutale Herrschaft durch die Kommunisten ab 1975 haben das Land weit zurückgeworfen.

Heutzutage beobachten wir jeden Tag das Leben kambodschanischer Familien um uns herum. Es gibt grosse Unterschiede zwischen dem Aufwachsen mittelständischer Kinder und den Kindern der Ärmsten im Lande.

Nehmen wir beispielsweise einmal die Kinder unserer Vermieter, die acht und zehn Jahre alt sind. Sie sind eine Familie des unteren Mittelstandes mit chinesischen Wurzeln. Morgens um 7 Uhr verlassen sie das Haus, um drei Stunden in der staatlichen Schule zu lernen. Dann kommen sie zum Mittagessen nach Hause, ruhen sich kurz aus und um 13 Uhr gehen sie in die chinesische Schule. Zum Abendessen sind sie wieder zu Hause und gehen anschliessend noch einmal für eine Stunde los, um in einer dritten Schule Englisch zu lernen. Gegen 19:30 Uhr ist ihr Schultag dann endlich geschafft. Diesen Tagesablauf haben sie von Montag bis Samstag, nur sonntags haben sie frei. An diesem Tag machen sie oft Ausflüge mit ihren Eltern.

Die Familie weiss, dass gute Bildung und das Beherrschen von Englisch und Chinesisch der Schlüssel für eine erfolgreiche Zukunft sind. Je mehr Geld man zur Verfügung hat, desto besser ist die Schulbildung der Kinder. Eine Schule, die alle drei Sprachen unterrichtet, kann sich unsere Vermieterfamilie nicht leisten. Bevor die Kinder des Mittelstandes „schulpflichtig“ sind, werden sie, während beide Elternteile Geld verdienen, entweder in einen Ganztagskindergarten geschickt oder bei Verwandten gelassen, oft bei der Grossmutter.

Der Alltag eines Kindes, dessen Familie arm ist, sieht ganz anders aus. Oft muss es durch kleine Jobs wie Wäsche für die Nachbarn waschen mithelfen, Geld zu verdienen. Oder es muss wenigstens auf die jüngeren Geschwister aufpassen, während die Eltern in den Strassen wiederverwertbaren Müll sammeln oder Essen verkaufen. Andere Eltern brechen auf, um in den Fabriken Thailands zu arbeiten, wobei sie meist die Kinder bei Verwandten zurücklassen und sie maximal zweimal im Jahr sehen. Schulbildung ist für diese Kinder Luxus.

Oft können es sich diese Familien nicht leisten, ihre Kinder zur Schule zu schicken, weil dann deren Arbeitskraft fehlt. Ausserdem sind Schulkleidung und Schulmaterial kostspielig. Wenn sie doch in die staatliche Schule gehen dürfen, dann haben sie oft Probleme, sich in dem mit 60 Kindern überfüllten Klassenraum zu konzentrieren und im Lernstoff mitzukommen. Die Mangelernährung, unter der sie seit ihrer Geburt leiden, fordert ihren Tribut. Hilfsprojekte wie ⇒ Bridge of Hope helfen armen Familien dabei, Bildung für ihre Kinder zu ermöglichen.

Die Art und Weise, wie kambodschanische Kinder erzogen werden, ist uns sehr fremd. Oft dürfen sie viele Stunden am Tag auf dem Handy der Eltern Videos schauen oder Spiele spielen. Wenn die Eltern mit dem Verhalten ihrer Kinder nicht einverstanden sind, werden sie häufig geschlagen oder mit Worten beschämt.

Nachdem kambodschanische Jugendliche die zwölfte Klasse abgeschlossen haben, suchen sie sich meist eine Arbeitsstelle. Abends besuchen sie eine Universität, wenn sie es sich leisten können. Die Kinder der Reicheren studieren tagsüber, wo in den Vorlesungen mehr Wissen vermittelt wird. Mitte/Ende 20 heiraten viele und gründen ihre eigene Familie.

Auf dem Land und unter den Armen kommt es allerdings auch nicht selten vor, dass Mädchen schon zwischen 16 und 18 Jahren heiraten und bald Kinder bekommen. Junge Erwachsene dürfen immer mehr selbst bestimmen, wen sie heiraten möchten, doch auch heute noch gibt es arrangierte Ehen.

Trotz vieler widriger Umstände sind wir immer wieder erstaunt, wie freundlich und höflich kambodschanische Kinder uns begegnen und wie lieb sie mit unseren Kindern spielen. Wenn wir als Familie unterwegs sind, treffen wir immer wieder Gruppen von ärmeren Kindern, die draussen fröhlich zusammen spielen. Spielgeräte sind oft selbstgebastelte Drachen oder Flipflops, die gekickt werden. Es begeistert uns immer wieder, wie wenig Kinder brauchen, um glücklich zu sein. Das wollen wir auch für unsere Kinder im Kopf behalten.

Autor: Danilo Gross. Er lebt mit seiner Frau Hanna seit 8 Jahren in Kambodscha, und arbeiten mit im Projekt „Bridge of Hope“, welches Familien, die unter der Armutsgrenze leben, ganzheitlich unterstützt.

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