WENN WIR DIE BIBEL LESEN, sehen wir sie oft durch eine breite Brille und denken eher an «Land oder Nation» als an «Stadt». Ein Blick durch eine urbane Brille kann uns jedoch helfen, die biblische Erzählung besser zu verstehen.

Bis zum Ende dieses Jahrhunderts wird die Welt zu über 90 Prozent aus Städten bestehen. Aber was vielleicht noch überraschender ist, wir sind schon mehr als auf halbem Weg dorthin. Die Daten der Vereinten Nationen deuten darauf hin, dass wir eine urbane Zukunft haben, ob es uns gefällt oder nicht. Die Urbanisierung bringt neue Herausforderungen mit sich und wirkt sich darauf aus, wie wir Gottes Botschaft weitergeben und wie wir Gemeinden gründen.

Manche von uns beurteilen Städte eher negativ und verweisen auf die Schöpfung, wo der Mensch in einem Garten angesiedelt wurde (1. Mose 2,8). Im Weiteren wird die Verwirrung von Babel (1. Mose 11,4–9), die Unmoral von Sodom und Gomorra (1. Mose 19), die Unterdrückung durch Babylon (Jes 47) und das Böse von Ninive (Jona 1,2) angeführt. Im Neuen Testament werden Städte oft als Orte der Verfolgung betrachtet (Apg 8,1).

Es gibt jedoch auch eine Reihe von Theologen, die Städte positiv sehen. Nancy Guthrie meint, die Bibel sei eine Reise von einem Garten zu einer Stadt, die im neuen Jerusalem endet (Offb 21,2)1. Tim Keller betont, dass Städte Zentren kultureller Bildung und Transformation bilden, die für Gottes Plan entscheidend sind. Dies wird in der frühen Kirche sichtbar, welche in städtischen Zentren aufblühte, und auch im neuen Jerusalem, das die endgültige Erfüllung von Gottes Plan für die Menschheit ist.2

Die Apostelgeschichte zeigt die Ausbreitung des Evangeliums in Städten wie Jerusalem, Ephesus, Antiochia, Philippi und Korinth. Kirchen wurden in diesen städtischen Zentren gegründet, was beweist, dass Städte für die frühe christliche Gemeindearbeit von entscheidender Bedeutung waren. In den letzten Kapiteln der Offenbarung wird die ewige Stadt, das neue Jerusalem beschrieben, in der das Volk Gottes leben wird (Offb 21,2–3). Dies bestätigt, dass Gott im Laufe der ganzen Geschichte in Städten gewirkt hat.

Conn und Ortiz argumentieren, dass die Frage, ob Städte Gottes Plan für die Menschheit sind, die falsche Frage ist. Sie schlagen vor, die Stadt als ein «Zentrum integrativer sozialer Macht zu sehen, welches in der Lage ist, die menschliche Kultur zu bewahren, zu verändern und zu interpretieren. Dies sowohl für als auch gegen die generelle göttliche Absicht».3 Diese Sichtweise ermutigt uns, unsere Strategien zu überdenken. Die Urbanisierung vollzieht sich in einem noch nie dagewesenen Ausmass. Die erste Welle begann mit den imperialistischen Städten wie Babylon, gefolgt von mittelalterlichen Städten wie Paris, Mailand und Venedig, dann folgten Industriestädte. Heute befinden wir uns im Zeitalter der Megastädte und globalen Städte.

Was macht eine Stadt aus? Wie können wir die Stadt mit dem Evangelium wirklich erreichen? Die Art und Weise, wie wir Städte wahrnehmen, wird sich auf unser Verhalten auswirken. Wenn wir Städte vor allem als schwieriges Umfeld, als teuer und böse ansehen, dann ist es eher unwahrscheinlich, dass wir sie lieben und erreichen werden.

Die Kirche wurde in Städten geboren. Ein Christ in der frühen Kirche zu sein, bedeutete oft, ein Städter zu sein. Die Briefe von Paulus richteten sich an städtische Christen, die mit dem Stadtleben zu kämpfen hatten (1. Kor 1,2). Die Stadt war damals chaotisch, und sie ist es auch heute noch. Während des Industriezeitalters zogen sich jedoch viele Christen aus den Städten zurück.

Wie sollten wir also auf das schnelle Wachstum der globalen Urbanisierung reagieren? Ich denke, wir müssen es strategisch angehen, wo wir uns einsetzen wollen.

Um auf die globale Urbanisierung zu reagieren, muss die Kirche ganzheitliche und relevante Strategien für urbane Kontexte entwickeln. Dazu gehört auch die Entwicklung einer Theologie der «Mission von Städten», welche die Menschen dort anspricht, wo sie leben, und sie dort berührt, wo sie leiden. Patrick Johnstone erklärt, dass es bis 2050 wahrscheinlich mindestens 20 Megastädte auf der Welt geben wird. Die beliebtesten Städte werden alle in Asien oder Afrika liegen. Die meisten dieser Megastädte werden eher schlecht regiert und chaotisch sein, und ein grosser Teil der Bevölkerung wird in Slums in grosser Armut leben.

Wie werden wir als Kirche darauf reagieren?

Wayne Cowpland

Wayne und Miriam Cowpland arbeiten seit 1994 für WEC International. Ihre Reise hat sie von Schottland nach England, Frankreich, in den Tschad, nach Singapur und zurück in die wunderschöne Landschaft Schottlands geführt. Derzeit ist es ihre Aufgabe, als Regionalleiter für Europa zu wirken. Ihr Dienst beinhaltet regelmässige Besuche von Teams in ganz Europa, welche es ihnen ermöglichen, aus erster Hand die verändernde Wirkung des Evangeliums in Regionen dieses vielfältigen Kontinents zu erleben.

 

Quellen:
Guthrie, Nancy. Even Better than Eden: Nine Ways the Bible’s Story Changes Everything about Your Story. Crossway, 2018.
Keller, Timothy. Center Church: Doing Balanced, Gospel-Centered Ministry in Your City. Zondervan, 2012.
Conn, Harvie M. and Manuel Ortiz. Urban Ministry: The Kingdom, the City & the People of God. InterVarsity Press, 2001.
Johnstone, Patrick. The Future of the Global Church: History, Trends and Possibilities. InterVarsity Press, 2014.