«Seit über 30 Jahren wohnen wir in Bella Italia. Ein wunderschönes Land, das weltweit für das Essen, Landschaften und Politik berühmt ist. Doch wie ist es, hier aufzuwachsen?»

Wir haben zwei erwachsene Kinder. Letizia ist 24 und Elia ist 20 Jahre alt. Beide sind in Italien gross geworden. Zuhause waren sie der ägyptischen und schweizerischen Erziehung gegenübergestellt. Mit der italienischen Erziehung wurden wir beim Besuch unserer hiesigen Gemeinde konfrontiert oder spätestens beim Eintritt von Letizia in den Kindergarten.

In Italien nehmen die Grosseltern, die «Nonni», eine wichtige Stellung in der Erziehung ein, da oft beide Elternteile berufstätig und tagsüber abwesend sind. Die Nonni begleiten manchmal bereits am Morgen ihre Grosskinder zur Schule und holen sie am Nachmittag ab. In Italien übergeben die Lehrer Kinder bis zur 5. Klasse nur persönlich an eine von den Eltern ermächtigte Person.

In der Regel werden die Kinder mit drei Jahren in den Kindergarten gebracht, oder wenn notwendig schon früher in die Kinderkrippe. Nebst der Familie hat auch die Schule, inklusive freiwillige nachschulische Aktivitäten, einen Einfluss auf die Erziehung.

KLEINE ITALIENERINNEN ALLEIN ZUHAUSE
Mit dem Eintritt in die Sekundarschule sind viele Kinder im Alter ab 11 Jahren nachmittags allein zuhause. Meistens arbeiten beide Eltern Vollzeit. Die Teenies sind auf sich selbst angewiesen und müssen bereits früh lernen, ihren eigenen Weg zu finden. Sie werden in dieser wichtigen Phase nicht begleitet. Viele bekommen das Gefühl, dass Wohlstand und Freiheit mehr Wert haben als göttliche und moralische Werte. Wenn es um Noten oder Leistung geht, bekommen sie den Wettbewerb schon in die Wiege gelegt.

In all dem kommt das Wohl des Kindes in der Familie zu kurz, und die Wichtigkeit der Kinderstube wird unterschätzt. Es gibt manchmal für die Eltern fast keine andere Lösung, um die Familie zu ernähren.

DER WERT DER BILDUNG
Die obligatorische Schulbildung in Italien dauert mindestens zehn Jahre, vom 6. bis 16. Altersjahr. Danach folgt ein höherer Schulabschluss oder eine mindestens dreijährige Berufsausbildung. Bildung wird in Italien jedoch etwas vernachlässigt. Oft wird an der Bildung gespart.

Lehrer beispielsweise haben schlechte Anstellungsbedingungen. Es braucht etliche Jahre, bis sie eine Festanstellung bekommen. Diese müssen sie sich durch jahrelange Vertretungen und öffentliche Wettbewerbe erarbeiten. Dies schadet dem Schulsystem und Bildungsniveau, da Kontinuität und Aufbau fehlen.

Letizia hat die Grundstufe gut erlebt, da sie gute Lehrer hatte. In den späteren Jahren empfand sie jedoch, dass in gewissen Fächern die Qualität durch die vielen Lehrerwechsel etwas verloren ging.

Elia schätzt den Aufbau positiv ein. Er meint, das System sei effizient, und wenn man bereit ist zu arbeiten, kann man viel lernen. Das Gymnasium stuft er andererseits als zu theoretisch ein und den Prüfungsdruck zu hoch. Das Interesse an verschiedenen Fächern hat ihm geholfen, trotzdem die Motivation zum Lernen zu finden.

18 HEISST ERWACHSEN
Das volljährig und erwachsen werden beginnt mit dem 18. Geburtstag. Das wird meistens mit einer Party gefeiert. Danach ist für viele das erste Ziel der Fahrausweis und somit eine gewisse Unabhängigkeit und Mobilität. Nach dem Diplom geht es für viele zur Universität, ein nochmals sehr theoretischer und langer Bildungsweg.

Die besonderen Herausforderungen für die jungen Menschen in Italien kommen jedoch erst: Die grosse Arbeitslosigkeit und die geringe Chance, nach einem abgeschlossenen Studium eine Stelle im entsprechenden Bereich zu finden. Dies gilt vor allem, wenn man nicht wohlhabend ist und keine gezielten Beziehungen hat.

PERLEN ANS LICHT BRINGEN
Was in Italien fehlt, ist also nicht das Potential, sondern der Wille, dass man die Ressourcen für die jungen Menschen, ihre Bildung und ihre Zukunft einsetzt. Wenn man die Wichtigkeit davon begreift, dies wieder zur Priorität wird und man das System gründlich verändert, dann wird auch in diesem Bereich Italien wieder aufblühen.

Wir träumen zusammen mit den ItalienerInnen von einer hoffnungsvolleren und vielversprechenderen Zukunft für die Kinder und Jugendlichen.

Autorin: Verena Melek. Sie und ihr Mann Mosè sind seit über 20 Jahren im Gemeindebau unter arabisch sprechenden Menschen in Turin tätig.

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