«Ältere Leute werden geehrt.»

Der ältere Mensch hat in unserem Land einen hohen Stellenwert. Bei Verwandtenbesuch sitzen die älteren Familienmitglieder im Wohnzimmer, die Jüngeren kommen reihum und küssen die Hand der älteren Verwandten.

Als ich letzthin in einen vollen Bus stieg, stand ein Junge sofort auf und bot mir seinen Platz an. Ältere Leute werden geehrt. Auch wenn ich etwas erzähle, wird mir als älterer Mensch sofort Gehör geschenkt.

Wenn ein Paar heiratet ist es oft so, dass es bei der Familie des Bräutigams wohnt. Die Schwiegermutter, die ihre «Macht» zeigen möchte, macht es der jungen Braut oft nicht so leicht, beauftragt sie mit Haushaltsarbeiten und hat Ansprüche. Es sind immer die jüngeren Frauen, die Tee oder Kaffee servieren, während die Älteren es sich bequem machen, plaudern oder fernsehen. Bei Jung und Alt, auch bei ärmeren Personen, ist das Natel immer zur Hand.

ALTERSHEIME?
Eines Tages wollen wir so ein Heim einmal von innen ansehen und machen uns auf die Suche, das Internet hilft uns dabei. Als wir ankommen, verrät uns der Bäcker, dass es dort gar nicht mehr existiert. Es befindet sich in einer abgelegenen Gegend. Wir sprechen eine Frau an mit zwei kleinen Kindern, die gerade vom Einkaufen kommt. Sie klärt uns auf: «Wir haben eine alte Frau in der Nachbarschaft, die gar keine Verwandte hat und sich nicht mehr selbst versorgen kann. Abwechselnd bringen ihr die Nachbarn Essen oder helfen im Haushalt. Sie hat kein Geld für ein Altersheim. » Von dieser Hilfsbereitschaft könnten wir lernen!

Ein Altersheim haben wir hier nicht gefunden. Meistens nehmen die Kinder ihre alternden Eltern zu sich nach Hause und schauen zu ihnen, bis sie sterben. Reichere könnten sich ein Altersheim leisten, aber es ist viel persönlicher, sie zu Hause zu haben, auch wenn es oft grosse Opfer kostet.

RUND UM BEERDIGUNGEN
Wenn der Herbst ins Land zieht, erinnere ich mich meistens an unsere Vergänglichkeit. Was gibt es für Unterschiede zwischen der Türkei und der Schweiz beim Sterben und in der Trauerzeit? Die Menschen hier werden innert ein bis drei Tagen beerdigt, die meisten in ihrem Heimatdorf, das heisst, wo sie herkommen. Die Verwandten müssen manchmal länger reisen, bis sie in das Dorf kommen, wo der Verstorbene als junger Mensch gelebt hat und ausgezogen ist, weil es im kleinen Dorf zu wenig Arbeit hatte.

Oftmals wird mit lautem Wehklagen der Frauen Abschied genommen. Der Imam hält eine Predigt, und es wird gebetet. Erdbestattung ist im ganzen Land verbreitet, Kremation ist nicht üblich. Die Friedhöfe sind nicht so gepflegt, wie wir das von der Schweiz her kennen.

Beim letzten Schneiderbesuch fragen wir ihn, wer das Begräbnis normalerweise finanziert. «Meine Mutter ist letzthin gestorben. Der Transport zum Friedhof übernimmt der Staat, den Rest musste ich selbst finanzieren.» Normalerweise sind die Friedhöfe strikt getrennt zwischen Muslimen und Christen. In Istanbul wurde lange gekämpft, bis der Staat den evangelischen Christen einen separaten Platz gab. In unserer Stadt hat es eine orthodoxe Kirche mit Friedhof. So können sich die Christen auch hier beerdigen lassen.

In streng gläubigen türkischen Familien ist die Trauerzeit einem festen Ritus unterworfen. In der ersten Woche nach dem Tod eines Angehörigen macht man Beileidsbesuche. Die Familie des Hinterbliebenen ist zu Hause und wird in der Regel von den Trauergästen mit Essen versorgt. Im Osten des Landes gibt es auch spezielle Trauerhäuser, die man mieten kann. Die engsten Verwandten tragen 40 Tage lang Trauerkleidung. Am dritten, siebten, vierzigsten und zweiundfünfzigsten Tag wird traditionell an den Verstorbenen gedacht und man kommt zusammen.

Den zeremoniellen Abschluss der Trauerzeit bilden nach 52 Tagen ein gemeinsames Essen und ein Besuch aller Freunde, Verwandten und Nachbarn im Hamam. Hamams sind nach Geschlechtern getrennte Dampfbäder. Der Schmerz der Trauer soll durch das Bad und durch eine spezielle Waschprozedur abgewaschen werden.

Ausserdem gibt es zu diesem Anlass Kaffee, Zigaretten und Süssigkeiten. Der Kaffee wird diesmal ohne Zucker getrunken – zum letzten Mal in der Trauerphase. Danach sollen die Tränen abgewaschen sein. Die Trauerkleidung wird abgelegt und der starke türkische Mokka wird fortan – wie allgemein üblich – stark gesüsst genossen.

Autoren: H & H

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